slow perspectives
Weinkultur
Im Gespräch mit Urban von Klebelsberg | Bozen, Südtirol
Lieber Urban, Terroir beschreibt beim Wein die Gesamtheit aller natürlichen Standortfaktoren, die den Charakter eines Weins prägen. Das sind vor allem Boden (z. B. Kalk, Schiefer, Lehm), Klima (Temperaturen, Sonneneinstrahlung, Niederschläge), Topografie (Hanglage, Höhe, Ausrichtung zur Sonne) und Mikroklima (lokale Besonderheiten wie Wind oder Nebel).
Terroir meint also, dass der Wein nicht nur von der Rebsorte und der Winzerin, dem Winzer abhängt, sondern stark von seinem Herkunftsort geprägt wird.
Was bedeutet das für Südtiroler Weine und Weine weltweit?
Ja, das ist richtig, die Basis für die Typologie eines Weines sind die natürlichen Gegebenheiten – die „Hardware“ des Terroirs. Aber zu unterstreichen ist, dass für die richtige Interpretation dieser Gegebenheiten, das Können, die Erfahrung und das Fingerspitzengefühl der Winzer:innen eine sehr große Rolle spielen, ich würde dies deshalb auch als „Software“ des Terroirs bezeichnen.
Die Winzerin, der Winzer wählt nach genauem Abwägen der naturgegebenen Faktoren die geeignete Rebsorte und Unterlage (Wurzelstock) aus und überlegt sich für jede Sorte und Lage das spezifische „Feintuning“ der Pflegemaßnahmen im Laufe des Jahres: Winterschnitt, Bodenbearbeitung, Behandlungen, Wasserversorgung, Düngung, Grünschnitt, Ausdünnen, Wahl des optimalen Erntezeitpunktes. Gelingt das, wird es vielversprechend. Denn dann trägt das Lesegut die Eigenschaften des Terroirs in sich, d.h. die Mineralität des Bodens, genügend Zucker, gepaart mit einem richtigen Säureverhältnis, Aromen und Gerbstoffe mit der idealen Reife, Straffheit und Struktur. Mit solchen Trauben ist es möglich einen Wein mit viel Charakter und Originalität zu produzieren, der auch eindeutige Hinweise auf seine Herkunft (Lage, Kima, Böden, Winzer), auf sein Terroir gibt.
Eine Nebenbemerkung: Solche Weine weisen merkbare Jahrgangsunterschiede auf. Und das ist gut so, denn das Wetter ist nicht immer gleich und hat einen großen Einfluss auf die Traubenqualität – heißes oder kühles Jahr, trocken oder feucht, frühe oder späte Reife.
Gibt es Orte auf der Welt, wo Weinanbau vor Jahrzehnten undenkbar war und die heute erfolgreich im Sinne von Qualität und im Einklang mit der Natur produzieren?
Durch den Klimawandel, vor allem die Klimaerwärmung hat sich in den vergangenen 30 bis 35 Jahren einiges verändert. Die Weinbaugrenze hat sich sowohl was die Meereshöhe als auch die Breitengrade nach oben verschoben. So zum Beispiel lag in Südtirol die Weinbaugrenze in den 1980er Jahren zwischen 750 und 800 m über der Meer. Heute findet man Weinberge auch auf 1.000 m und darüber.
Champagnerwinzer betreiben seit einiger Zeit Weinberge in Südengland. In Südschweden versucht man sich nun auch im Weinbau.
Nicht überall sind die Erfolge großartig, aber allein, dass die Rebe in diesen Lagen nun überlebt und Früchte trägt, ist beachtlich und wäre früher undenkbar gewesen. Und wenn die Erderwärmung so weiter steigt, ist das für diese „neuen“ Weinbaulagen sicher kein Nachteil. Ganz im Gegensatz zu einigen klassischen Anbaugebieten in Europa, aber auch Australien und Kalifornien, wo es in bestimmten Lagen für den Weinanbau zu heiß und zu trocken wird.
Wenn wir über die Reife eines Weins sprechen, dann spielen die Faktoren Zeit und Geduld eine wichtige Rolle. Inwiefern?
Das mit der Zeit und Geduld beginnt im Weinberg: es dauert ziemlich lange bis ein Weinberg das optimale Alter erreicht hat, das heißt, die Reben wirklich inhaltsreiche Trauben produzieren.
Einmal, weil mit der Zeit die Sturm-und Drangperiode der Rebe abklingt und das Wachstum ruhiger und ausgeglichener wird. Dann hängt das auch mit der Tiefe der Rebwurzeln zusammen. Auf der Suche nach Wasser erschließt sich die Rebe im Lauf der Zeit immer tiefere Schichten. Diese Schichten sind oft unterschiedlicher Zusammensetzung und so kann sich die Rebe – wenn sie einmal weit nach unten vorgedrungen ist – an einem reichhaltigen „Mineralienbuffet“ laben. Dieses Mehr an Salzen findet sich in den Trauben und folglich im Wein wieder und erhöht dessen Vielschichtigkeit.
Aber dazu braucht es Zeit; man spricht von mindestens 20 Jahren ab Neupanflanzung.
Dann braucht es ein weiteres Mal Zeit und Geduld: bei der Weinreifung. Ein gehaltvoller Wein hat viele Salze, Gerbstoffe, Säuren, Alkohol, Aromen, Farbstoffe und es dauert ziemlich lange, bis sich diese Komponenten miteinander verweben und verschmelzen. Wenn ein gehaltvoller Wein zu jung getrunken wird, erkennt man zwar seine Veranlagung und seine hohe Qualität, aber die verschiedenen Noten stehen noch vereinzelt da. Gibt man diesem Wein genügend Zeit (immer einige Jahre), reift er zu einem Gesamterlebnis, das mehr als die Summe der einzelnen Komponenten ist. Es entstehen Harmonie und Fülle, die vorher fehlt. Ein reifer Wein hat mehr; und auf dieses „mehr“ zu warten, lohnt sich.
Urban, Du sammelst seit über 30 Jahren Erfahrung mit dem Weinanbau und dem Wein-Vertrieb. Wie hat sich der Weinanbau verändert in diesen Jahren?
Seit den 1980ern bis heute ist kaum mehr ein Stein auf dem andern geblieben.
Vor 50 Jahren war Wein – zumindest in Italien und in Südtirol – noch ein Lebensmittel, das Mittag- und Abendessen fix begleitete und auch zwischendurch als Stärkung getrunken wurde. Dann änderte sich der Lebensstil, alles wurde metropolitaner; und damit auch die Ess- und Trinkgewohnheiten. Wein ist heute ein reines Genussmittel; es wird immer weniger und möglichst immer besser getrunken. Das hatte und hat natürlich große Auswirkungen auf den Weinanbau und den Weinmarkt. Die Ertragsmengen gingen nach unten, die Traubenqualität nach oben – der Alkoholgrad oft auch, möglichst natürliche Produktionsweisen/Bio/Biodynamisch sind das Gebot der Stunde. Der kleine Produzent und der persönliche Kontakt zu ihm ist für viele Weinfreundinnen und -freunde sehr wichtig.
Du hast gesagt, dass der Wunsch der Händlerinnen und Händler sowie der Konsumentinnen und Konsumenten nach ständiger Verfügbarkeit eines immer gleich ausbalancierten Weins groß ist. Was geht verloren, wenn wir Wein – und vielleicht auch Kultur gesamtheitlich – überwiegend über Ergebnisse, Bewertungen und Verfügbarkeit denken?
Das ist die andere, die große Sparte des Weinmarktes. Es sind die Kunden, die Märkte, die ein „sicheres“ Produkt möchten; „sicher“ – verstanden als gute, regelmäßige Qualität. Das kommt meiner Meinung nach daher, dass diese Kunden dem Thema Wein zwar grundsätzlich positiv gegenüber stehen, sie trinken Wein zu bestimmten Anlässen, wie Feiern, besonderes Abendessen, setzen sich aber weiter mit dem Thema nicht auseinander. Deshalb ist es für sie auch nicht nachvollziehbar, dass es Jahrgangsunterschiede gibt, und das wird oft auch nicht akzeptiert.
Für die betroffenen Weinkellereien bedeutet das, dass die Weine ein bisschen uniformiert werden müssen und dadurch an Persönlichkeit verlieren.
Ein anderes Thema sind die Weinführer. Die kommerzielle Wirkung guter Weinbewertungen in namhaften Weinführern war bis vor ca. 10 Jahren enorm groß. Deshalb wollte (fast) jede Winzerin, jeder Winzer Höchstpunktezahlen ergattern und viele passten ihre Weinstilistik an die der prämierten Weine beziehungsweise an den Geschmack der Weinkritiker:innen an. Die Folge war eine Stilangleichung auf höchstem Niveau, ein Verlust an Individualität und Nuancenreichtum; ja, auch an Weinkultur.
In den letzten Jahren ist der Einfluss der Führer ein bisschen zurückgegangen und das macht sich zum Glück in einer Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln und die eigenen Besonderheiten wieder bemerkbar.
Du arbeitest mit autochthonen Rebsorten wie Lagrein und mit langfristigen landwirtschaftlichen Projekten. Ist Regionalität für Dich eine Form von Widerstand gegen die Beschleunigung und den Massenkonsum und welche eigene Form von Zukunftsstrategie steht dahinter?
Regionalität und Autochtonität sind für mich keine Formen des Widerstands, sondern der richtige Weg, um einen lagenbezogenen, hochwertigen und individuellen Wein zu produzieren. Weinberg, Winzer:in und „der liebe Gott“ oder eine andere „gute Macht“, geben alles, um etwas Gutes, etwas Besonders in die Flasche zu bringen. Solche Weine sind eigentlich immer ein Genuss, tolle Essensbegleiter und spenden große Trinkfreude. Ich wüsste nicht, wie ich es anders machen könnte.
Was war die größte schöne Überraschung und die größte Enttäuschung diesbezüglich in all den Jahren?
Eine sehr große Überraschung und Lehre war für mich bei einer großen historischen Sylvanerverkostung in Castell zu Castell vor circa 15 Jahren ein edelsüßer Sylvaner, Jahrgang 1920. Er war braun in der Farbe und beim ersten Verkosten für mich „drüber“. Neben mir saß die leider früh verstorbene Önologin und Mitbesitzerin der Domaine Weinbach, Laurence Faller, die sich beziehungsweise dem Wein etwas mehr Zeit beim Verkosten gewährte und dann zum Urteil kam: „Dieser Wein gefällt mir sehr gut, er trägt seine Falten mit Würde“.
Enttäuschend sind für mich jene Weine und Winzer:innen, die sehr gut, konsequent loslegen und sich bei ersten Hürden für den vermeintlich leichteren Weg der gefälligen Weine entscheiden.
Mit der Idee „Slow Media Solutions“ stellt sich mir die Frage: Wie können wir als Konsumentinnen und Konsumenten dem Wein Gutes tun? Wie unterstützen wir Winzerinnen und Winzer, weiterhin hohe Qualität und Nachhaltigkeit sicher zu stellen?
Das ist sehr einfach: Kauft deren Weine, trinkt deren Weine… und kauft sie wieder (er lacht).
Eine persönliche Frage: Welcher ist denn Dein Lieblingswein?
Hehe, ich bin polyvin. Es gibt so viele, unglaublich gute Weine auf dieser Welt. Man stößt ständig auf Neues. Um nicht ganz allgemein zu bleiben, hier meine zwei jüngsten Entdeckungen:
Collio Malvasia 2021 – Damjan Podversic (Detailpreis ca. € 35)
Crozes Hermitage „Le Rouvre“ 2023 – Yann Chave (Detailpreis ca. € 50)
Und ein Klassiker für mich:
Südtirol Sauvignon (egal welcher Jahrgang) – Wassererhof (Detailpreis ca. € 18)
Danke für das Gespräch, lieber Urban. Ich werde Deine neuesten Entdeckungen gerne kosten und freue mich auf unser Wiedersehen in Bozen oder München.
„Weinkultur im Dialog“ in Heidelberg, Frühling 2026: Sabine Loh, Gründerin slow media solutions, Susanne Barta, słów fashion ambassador, Markus Bitterolf, Inhaber Antiquariat Blaumilch und Urban von Klebelsberg, Önologe aus Südtirol.
Urban von Klebelsberg ist seit über 30 Jahren Önologe und weiß, warum ein Wein harmonisch und facettenreich wird.
Wenn Sie direkt mit dem Weinexperten Urban von Klebelsberg in Kontakt treten möchten, dann schreiben Sie ihm eine email an urban@rendelstein.it oder wenden Sie sich gerne jederzeit an uns unter loh@slow-media.solutions
