Sabine Loh, createforcare & slow.media.solutions: Herr Professor Hennes, wir sehen uns im September im KU-Lunchtalk zu einem Webinar, bei dem es um das Thema „Machtmissbrauch im Krankenhaus“ gehen wird. Insbesondere wird uns die Frage beschäftigen: wie geht man im Krankenhaus mit Mobbing um? Sie blicken auf eine langjährige Karriere als Geschäftsführer verschiedener Häuser zurück. Was sind nach Ihrer Überzeugung und Erfahrung wirksame Strategien, um dem vorzubeugen beziehungsweise etwas entgegenzuhalten?
Professor Dr. med. Hans-Jürgen Hennes: Die erste Aussage zum Thema „Umgang mit Mobbing“ ist kurz und klar: Null Toleranz. Aus Sicht eines Geschäftsführers, der Verantwortung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trägt, ist klar und muss es für die Belegschaft in jedem Moment seines Wirkens klar sein, dass Mobbing grundsätzlich nicht toleriert wird. Das ist definitiv eine Führungsaufgabe. Auch klar ist, dass die Hemmschwelle sich als Opfer bei Mobbing zu äußern, sehr hoch ist. Dies gilt leider nach wie vor.
Sabine Loh: Was sollte die Führungsebene eines Krankenhauses hier unternehmen?
Professor Hennes: Es müssen aktiv Möglichkeiten geschaffen werden, diese Hemmschwelle zu senken. Es muss also neutrale Ansprechpartner:innen geben, die zunächst einmal die Meldungen aufnehmen. Es sollte auch die Möglichkeit geben, dass man sich durchaus anonym äußern kann, um eine Aufarbeitung überhaupt erst möglich zu machen. Das klingt relativ einfach, ist aber in der Praxis überhaupt nicht einfach. Das hängt im Übrigen auch damit zusammen, weil das Thema „Mobbing“, und auch das ist ebenfalls meine praktische Erfahrung als Geschäftsführer, immer wieder genutzt wird, um auf andere gefühlte oder auch objektive Missstände hinzuweisen. Deswegen sind sorgfältiges Hinhören und eine Differenzierung stets nötig.
Sabine Loh: Nun hat es durch die Ereignisse auf dem diesjährigen Deutschen Ärztetag in Hannover eine weitere Verschärfung der Debatte um Machtmissbrauch gegeben, insofern hier über sexuelle Übergriffe und Missstände berichtet wurde. Wie bewerten Sie das?
Professor Hennes: Da ich die genauen Hintergründe zu den einzelnen Fällen nicht kenne, möchte ich hier, wenn wir allgemein über Machtmissbrauch sprechen, ausdrücklich festhalten, sexueller Missbrauch ist in jeder Hinsicht vollkommen inakzeptabel, muss konsequent aufgeklärt und verfolgt werden. Dabei denke ich an alle Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, also über Krankenhäuser hinaus. Klar ist, dies sind stets emotional sehr aufgeladene Situationen. Das darf aber keinesfalls dazu führen, dass solche Vorgänge missachtet, relativiert werden oder einfach unbesprochen bleiben. Solche Vorgänge gehören aufgeklärt und abgestellt.
Sabine Loh: Erinnern Sie sich – und Sie blicken auf Jahrzehnte im Krankenhauswesen zurück – an Situationen, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind. Und können Sie sagen, wie diese ausgegangen sind?
Professor Hennes: Im Hinblick auf die eingangs geäußerte Null-Toleranz-Haltung haben diese Vorgänge dann, wenn sie nachweisbar und auch rechtlich eindeutig waren, immer dieselbe Konsequenz gehabt. Um es konkret zu sagen: diejenigen Mitarbeitenden, die diese Taten begangen haben, konnten nicht weiter im Krankenhaus oder in anderen Gesundheits- und Sozialeinrichtungen tätig sein.
Sabine Loh: Nun erleben wir ja, dass dieses Thema strukturell immer noch tief verankert ist im Arbeitsalltag eines Krankenhauses. Woran liegt das? Liegt es an einem fehlenden Leitbild? Ein aktueller Vorschlag des Marburger Bundes lautet, es müsse ein neues Leitbild definiert werden, welches diese Themen ausdrücklich mit aufführt. Oder liegt es an der fehlenden offenen internen Kommunikation oder daran, dass die Meldestellen nicht bekannt sind?
Professor Hennes: Also, diese Probleme haben mehrere Ursachen. Das heißt, sie lassen sich nicht so einfach eingrenzen. Ich glaube, wir haben es im Krankenhaus auch dadurch, dass wir eine sehr breite und heterogene Mitarbeiter:innenstruktur mit vielen unterschiedlichen Professionen haben, die zudem aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommen und alle miteinander sehr eng und nah zusammenarbeiten, mit einer ganz besonderen Arbeitssituation zu tun. Wir haben außerdem auch ganz unterschiedliche Kulturkreise bei den Patientinnen und Patienten. Und das führt natürlich – ganz unabhängig von der bereits angesprochenen #MedToo-Debatte – zu Missverständnissen, Irritationen, Fehlverhalten und Spannungen. Aber wenn es dazu kommt, bedarf es der Aufbereitung. Insofern gibt es hier nicht die eine Lösung. Aber man muss als Geschäftsführer und allgemein als Führungskraft eben für Transparenz, Vertrauen und Offenheit sorgen. Es muss gelingen, eine Unternehmenskultur zu schaffen, die Hinweise auf jede Form von Machtmissbrauch und Mobbing ohne Nachteile für die Betroffenen möglich macht.
Sabine Loh: Herr Professor Hennes, vielen Dank für das Gespräch.
Professor Dr. med. Hans-Jürgen Hennes
Zur Person:
Als Facharzt für Anästhesiologie übte Prof. Dr. med. Hennes eine langjährige Tätigkeit als Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz aus. Umfangreiche Tätigkeit und Erfahrung im Bereich Notfall- und Katastrophenmedizin als Notarzt, Leitender Notarzt für das Stadtgebiet Mainz und den Landkreis Mainz-Bingen, sowie Aufbau des Luftrettungsstandortes Mainz und Tätigkeit als Leitender Hubschrauberarzt Christoph 77.
Von 1991 – 1993 Auslandsaufenthalt mit klinischer und wissenschaftlicher Tätigkeit als Oberarzt (Visiting Assistant Professor) am Department of Anesthesiology & Critical Care Medicine, The Johns Hopkins University Medical School, Baltimore, USA.
Als langjähriger Lehrbeauftragter im Fachbereich Gesundheit und Pflege an der Katholischen Fachhochschule Mainz (KFH) wurde Prof. Dr. med. Hennes im März 2011 zum Honorarprofessor berufen und darf den Titel „Professor i.K.“ (im Kirchendienst) tragen.
Professor Hennes war u.a. Geschäftsführer an den Städtischen Klinken München, dem Städtischen Klinikum Karlsruhe und zuletzt sieben Jahre lang als Medizinischer Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor an der Universitätsklinik Mannheim tätig, die er in einen Verbund mit dem Universitätsklinikum Heidelberg geführt hat.


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